Glosse: “Spielst du noch, oder killst du schon?”

Verrauchte Buden, runtergelassene Rollläden und unaufgeräumte Wohnungen – dazwischen ein Hochleistungsrechner, eingerahmt von Pizzakartons und leeren Brauseflaschen. Ein ungewaschener Pubertierender, der mit rot angelaufenen Augen unterstrichen von schwarzen Schatten in eine Welt abgetaucht ist, die sich vor ihm auf dem 24 Zoll Monitor virtuell darbietet. Er ist kaum ansprechbar, Toilettengänge erledigt er schnell und ohne sich die Hände nachher zu waschen, was ihm aber eh nichts ausmacht, da seine Hand, die seit etlichen Stunden schon auf der Maus ruht, die wie wild Klickgeräusche von sich gibt, kaum mehr durchblutet wird. Der Spieler am PC ist eigenbrötlerisch, hat ein hohes Gewaltpotenzial und schottet sich von der Welt ab, womöglich hat er auch politische Ansichten, die revolutionär sind und betet Satan an.

So oder so ähnlich wird der heutige Komputerspieler von vielen Außenstehenden wahrgenommen. Nicht zu letzt wegen “Killerspieldebatten”, die immer dann geführt werden, wenn wieder einmal irgendein verrückter Amok gelaufen ist und zufälligerweise “Counter-Strike” auf seinem Rechner gefunden wird. Counter-Strike ist dann auch schon das einzige Spiel, was Nichtspieler kennen. Dass besagter Verbrecher vielleicht Milch im Kühlschrank stehen hat, gelegentlich eine Tafel Schokolade verzehrte, wird dann ganz außen vor gelassen bei den an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, die da oft heißen “Ego – Shooter sind eine Anleitung zum Töten und setzen die Hemmschwelle für Gewalt herab.” Möglicherweise sollten sich die Experten auch über Milch und Schokolade mal den Kopf zerbrechen, eventuell tragen sie zu Amokläufen bei.

Nicht dass bei den Kritikern von Komputerspielen im medialen Bereich hauptsächlich Unwahres berichtet wird, wie an vielen Berichten sogenannter seriöser Fernsehmagazine offensichtlich, nein, es wird auch noch ein Zusammenhang konstruiert, der keineswegs einer eingehenden Argumentation standhalten kann. Und hier offenbart sich dann der Aktionismus einer medialen Panikmache und selbsternannter Experten, wenn ein Verbot von Spielen gefordert wird. Doch zu welchem Zweck?

Wäre es nicht heuchlerisch, einer gesetzgebenden Regierung Spiele, die den Inhalt des Ausschalten und Tötens besitzen, zu verbieten, während sie eine Sitzung später große Waffenlieferungen modernster Bauart der deutschen Industrie in äußerst fragwürdige Regime gewisser Länder beschließen, die dann auch noch real eingesetzt werden?

Ich gehe nicht davon aus, dass PC-Spiele verboten werden, denn damit lässt sich zu viel gutes Geld verdienen. Weltweit jährlich ca. 50 Milliarden Euro, davon allein in Deutschland zwei Milliarden mit steigender Tendenz. Das schlimmste, was uns passieren kann, ist eine Ausweitung der „Zensurursula“, wie bei etlichen Spielen ja bereits üblich. Dass die selbigen Fernsehsender, die vorher noch in einem ihrer Magazine über Spieler und Spiele wetterten, um 20:15 Uhr “Kill Bill” oder “Inglourious basterds” mit nicht minder schnippeligen Szenen zeigen, ist eine weitere Farce ihrerseits, ebenfalls sind einige Kriminalromane sehr blutig beschrieben, etwa die von Stephen King plus Wolfgang Hohlbein. Die ganze Ilias ist eine äußerst blutige Geschichte, zählt aber allgemeinhin als literarisches Weltkulturerbe.

Wir nähern uns dem Thema an: wollen wir Bücher verbieten, die zu blutig sind? Sind viele heutige Komputerspiele nicht auch Kunst oder haben wenigstens einen künstlerischen Anspruch? Mit fortschreitender Technik werden Grafiker mehr Möglichkeiten besitzen, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, Filme wie “Avatar” beweisen es. Und die Kinos waren voll. Warum also nicht eine Geschichte digital selber durchspielen, gerade bei “Open-world-games”, ob im Vielspielermodus im Netz oder als Einzelspieler.

Spiele sind zu einem großen Teil auch Geschichten, immer weniger linear mit konsequenten Entscheidungsfindungen, und laden ein, auf Entdeckungstour zu gehen, fremde Planeten zu erobern, Mordfälle zu lösen oder simpel die Prinzessin aus den Klauen eines bösartigen Drachen zu befreien. 
Aber was ist mit der Gewalt, höre ich schon nichtdigitale Menschen schreien?
Weniger als 20% der verkauften Spiele handeln von oder über gewalttätige Handlungen. Aufbauspiele wie “SimCity”, Wasserfahrzeugsimulationen, Flugsimulationen oder Traktorensimulationen neben Geschicklichkeitsspielen, Glücksspiele und etliche Sportspiele wie Fußball und Eishockey. Gut, zählen wir Eishockey mal lieber nicht dazu. Wenn man trotz der vielen gewaltfreien Spiele immer noch den Vorwurf der Gewaltförderung hört, dann darf den Kritikern hier eines gesagt sein. Schach ist ein absolutes Kriegsspiel, bei „Mensch ärgere dich“ nicht werden andere Figuren einfach rausgeschmissen und bei Risiko darf man da sogar die Welt erobern. Tja, es gibt in Schach sogar Meisterschaften, mittlerweile bei vielen Komputerspielen auch. Lasst die Spieler vom Rechner endlich da ankommen, wo sie schon lange sind und auch hingehören.
In die Mitte der Gesellschaft. Ein letztes Jahr im Forum von Paradox Plaza gestarteter Diskussionsstrang der zum Ziel die Feststellung des Alters der Spieler besitzt, beweist es:

Bis ins hohe Alter hinein wird gespielt und die Spieler kommen alle aus unterschiedlichen Schichten, besitzen oftmals Familien und berufliche, große Verantwortung. Nix da mit Zockerbude und Pizzakartons. Der Hochleistungsrechner kostet viel Geld und der Strom will ja auch bezahlt sein.

Spielen ist essenziell, nicht nur für Babys und Kleinkinder die dadurch ihre Umwelt erfahren. Spielen ist ein ständiger Lernprozess, der in unserer Form der digitalen Unterhaltung dient. Auch wenn viele von uns die oben beschriebene Abschottungsphase schon einmal durchgemacht haben, so ist das keineswegs ein ständiger Zustand.
Im Mehrspielermodus tingeln viele Gleichgesinnte spielerisch zusammen durch das Internet, und Bindungen sowie gute Bekanntschaften, vielleicht auch Freundschaften sind entstanden, Projekte wurden ins Leben gerufen die oftmals auch über das reine Freizeitverhalten herausreichen. Man könnte sich genauso Sorgen machen um den Mann, der im Keller eine 00 Bahn aufgebaut hat und den Traum vom Lokomotivführer mit Schaffnermütze auf dem Kopf durchlebt. Tut Tuuut! An dieser Stelle erinnere ich mich an einen gestarteten Thread im kürzlich untergegangenen Forum, in dem ein junger Bursche fragte “ob es in Ordnung sei bei” HOI3 Deutschland zu nehmen, aufgrund der Verbrechen, die vom damaligen Regime in dieser Zeit verübt wurden.
Selbstverständlich ist das in Ordnung, denn real passiert ja nicht wirklich was, und Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen man mit gutem Gewissen in Spielen ausnahmslos Deutsche töten durfte, wie beispielsweise in “Call of Duty”. Geschichte ist Geschichte und kann durchaus auch spielerisch durchlebt werden, solange man um die Dinge weiß. Wenn ich ein englisches Königreich im Mittelalter bei Total War spiele, bedeutet das ja auch nicht, dass ich für die Wiedereinführung der Monarchie mit ihren Fron- und Lehenssystemen bin. Übrigens besitzt England noch eine Monarchie, das nur am Rande erwähnt.

Also keine Sorge liebe „Außenwelt”, wenn ich heute Abend im Netz sowjetische Soldaten abknalle, bedeutet das keineswegs den Untergang des Abendlandes, eher dass ich Aggressionen abbaue. Und was das Thema der blutigen Bücher angeht, so sollte man wissen, daß Platon bereits bei der Einführung der Schriftrollen sich über den geistigen Zustand der Jugend sorgte, da sie ja nun sich nichts mehr merken würden können, durch den Wegfall überlieferter Erzählungen.
Zumindest wissen wir heute dank der Schriftrollen noch, wer Platon war.
Wenn es um einige, wenige Stunden der Entspannung geht, so bleibe ich gerne in der Antike mit dem Ausspruch: “Lasst die Spiele beginnen!” – lest hin und wieder ein Buch von Hohlbein, erfreut euch an “Kill Bill” und vergesst euren Vater nicht, ab und zu mal von der Hobbyeisenbahn im Keller wegzubringen, diesen Süchtling.

Quellen:
paradoxplaza.com
Autor: Toni82, 15.05.2011
Bilder: Board_Marshal 26.07.2011
http://forum.paradoxplaza.com/forum/showthread.php?536947-How-old-are-HOI3-players&highlight=


Anmerkung der Redaktion: Granit bestand bewusst auf die Schreibweise Komputerspiel anstatt Computerspiele.

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