Süd-Korea gegen den Rest der Welt - Starcraft 2 im E-Sport

Das Jahr 2011 sollte für die E-Sport-Szene in Starcraft 2 das Jahr werden, in dem zwei völlig unterschiedliche (Spieler-) Kulturen aufeinander prallten. Bereits bei der Blizzcon 2010 war abzusehen, welches Ergebnis dabei herauskommen sollte, dennoch war die komplette Szene auf diesen Zusammenstoß gespannt.


Bis zu diesem Zeitpunkt war die Szene außerhalb Süd-Koreas von den in der Starcraft 2 Terminologie bezeichneten „foreignern"1 dominiert. Somit wurden auch die ersten großen Titel (IEM, Assembly) in die Niederlande und nach Schweden gebracht. Doch schon die „World Championship" der IEM-Serie wurde von den beiden eingeladenen südkoreanischen Progamern (AcE und Moon) gewonnen.001
Zeitgleich etablierten sich in der „Global Starcraft 2 League" zwei der größten Namen überhaupt. Während Jang „MC" Min Chul mit seinem zweiten Sieg in der GSL seine Position als stärkster Protossspieler festigte, kamen mit 003Jung „Mvp" Jong Hyun auch die Terraner zu ihrer ersten GSL Trophäe. Beide Spieler sollten in Zukunft an der Spitze des E-Sports in Starcraft 2 stehen. Zu dem änderte GOMTV das Format der GSL zu Beginn des Jahres 2011. Die sogenannten „Open Seasons" des Vorjahres fungierten als Qualifikation für die in 2011 beginnenden „Sponsorship Leagues". Diese waren ab sofort unterteilt in Code-A und Code-S. Während Code-S von nun an die absolute Spitze darstellte und auch die höchsten Preisgelder anzubieten hatte, musste jeder Spieler, der nicht durch die „Open Seasons" von Beginn an platziert wurde, sich komplett durch Code-A spielen. Doch auch für Letztere musste man sich qualifizieren, was nebenbei eine Zeit lang unter der Hand als härtestes Turnier überhaupt bezeichnet wurde.
Besondere Erwähnung sollten hier die beiden „foreigner" Greg „Idra" Fields und Jonathan „Jinro" Walsh bekommen, da sie sich als einzige Nicht-Koreaner für das Code-S-Turnier qualifiziert hatten. Der schwedische Terraner Jinro sollte es - als einziger „foreigner" - sogar schaffen, zwei Mal bis in das Halbfinale des angesehensten Starcraft 2 Turniers zu kommen.
Außerhalb Koreas hatten sich bereits 2010 kleinere Turniere und Ligen begonnen zu etablieren, die es auch nicht so erfolgreichen Spielern ermöglichten, mit Starcraft 2 Geld zu verdienen. Zu erwähnen wären hier etwa die ESL Pro Series, The SHOUTcraft Invitational, sowie diverse Qualifikationsturniere für größere Turniere, doch auch wöchentliche und monatliche Cups wie Go4SC2 und ZOTAC waren im Angebot. Auf dieser Ebene bekämpfen sich Nachwuchstalente und lokale Helden, von denen es durchaus dem ein oder anderem gelang ein großer Name zu werden.
Gerade auf Deutschland bezogen sollte vor allem ein ganz besonderes Turnier erwähnt werden: der Homestory Cup. Bereits 2010 fand in der Wohnung von Dennis „TaKe" Gehlen in Krefeld eines der wohl ungewöhnlichsten und interessantesten Turniere statt. Hier wird die komplette Wohnung des deutschen E-Sport-Veteranen für das Turnier genutzt. Kommentiert von der Couch in TaKe's Wohnzimmer treffen hier Progamer aus allen Teilen der Welt in einer einzigartigen Atmosphäre aufeinander, was zu einem der beliebtesten Ereignisse der Starcraft 2 Community wurde.005
Auf der anderen Seite der Welt stand ein von GOMTV organisiertes „World Championship"-Turnier vor der Tür, bei dem eine Auswahl der derzeitig besten Progamer aus aller Welt einer Auswahl der besten südkoreanischen Pros (Profi-Spieler) gegenüberstand. Dieser Event spiegelte das Ergebnis der vorhergegangenen Auseinandersetzungen zwischen „foreignern" und Koreanern wider, jedoch nicht ohne ein Zeichen zu setzen. Der ukrainische Zergspieler Dmytro „DIMAGA" Filipchuk besiegte Lim „NesTea" Jae Duk, einen der bisherigen GSL Champions, und zeigte damit, dass die Koreaner keinesfalls unbesiegbar sind.
Je mehr Zeit verging, desto öfter ließen sich Progamer aus Südkorea in Turnieren im Aus
land (aus Sicht der Koreaner) blicken, mit fatalen Ergebnissen für die „foreigner". Die im April gestartete, über mehrere Monate ausgelegte North American Star League Season 12 wartete mit einigen hochkarätigen Namen aus der koreanischen Szene auf (darunter MC).
Wie erwartet, lieferten die koreanischen Pros spitzenmäßige Spiele auf höchstem Niveau, was sich zugunsten der Zuschauerzahlen und dem Entertainment, zugleich aber negativ auf die heimischen Champions auswirkte. Fast ausschließlich belegten die eingeladenen Spieler die Top 3 und waren selten auf den hinteren Plätzen zu finden.
In Südkoreas Hauptstadt Seoul hingegen waren nur noch vereinzelt „foreigner" in Code-A und Code-S aufzufinden. Der Skillunterschied3 war definitiv vorhanden. Zurückzuführen ist dies (auch heute noch) auf eine ganz andere Mentalität und eine bessere (diszipliniertere?) Trainingsstruktur seitens der Koreaner.
002Im Sommer 2001 pflügte one-time Champion NesTea durch zwei knapp aufeinander folgende GSL-Turniere und wurde somit zum ersten Starcraft 2 Pro, der drei GSL Titel erlangte. In seinem Juliturnier schaffte er sogar, selbst für koreanische Verhältnisse, das scheinbar unmögliche: Er gewann das Turnier, ohne auch nur ein Spiel zu verlieren. Bis heute ist dies keinem anderen Progamer in größeren Starcaft 2 Turnieren gelungen.
Parallel zu den typischen 1 gegen 1 Formaten entwickelten sich auch Teamligen, bei denen ganze Teams gegeneinander spielten. Diese wurden zwar auch im 1 gegen 1 entschieden, jedoch schickte das Team, dass das erste Spiel im Match verloren hatte, den nächsten Spieler ins Feld. Das erste Team, das so eine bestimmte Zahl an Siegen errang, gewann das Match. Im Fachjargon handelt es sich hierbei um ein sogenanntes Best-of-9, bei dem der erste mit 5 Siegen gewinnt.4
Vor allem in Süd-Korea fand dieses System neben der GSL Beliebtheit, da es ebenfalls von GOMTV produziert und geleitet wurde. So bot die GSTL (Global Starcraft 2 Teamleague) auch Spielern eine Chance, die in den individuellen Turnieren nicht so erfolgreich waren. Zu erwähnen sind hier im Jahre 2011 zwei Ausnahmetalente, die die GSTL dominierten und später sogar sehr erfolgreich wurden, Mun „MMA" Seong Won und Park „DongRaeGu" Soo Ho.
In Nordamerika stand schon bald die erste MLG (Major League Gaming) mit einem Austauschprogramm mit GOMTV vor der Tür. Eine Auswahl Südkoreanischer Progamer wurde in die USA eingeflogen, um dort ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Im Umkehrschluss wurden den ersten Plätzen des Turniers Platzierung in der nächsten Code-A Saison garantiert. Allen Erwartungen entsprechend dominierten die „Austauschprogamer" das Turnier und untermauerten die Überlegenheit zum Rest der Welt.004Doch die „foreigner" gaben sich nicht geschlagen, und so gelang es einigen unglaublichen Talenten, sich als Underdogs in mit Koreanern überfüllten Turnieren durchzusetzen und den Sieg davon zu tragen. In epischen Schlachten zeigten die Helden des Rests der Welt, dass man sie keinesfalls unterschätzen sollte. Chris „Huk" Loranger, Ilyes „Stephano" Satouri und Johan „Naniwa" Lucchesi,machten sich durch ihr Durchsetzungsvermögen im Angesicht der Südkoreaner zu unvergesslichen und gefürchteten Namen in der Szene – teilweise bis heute.
006Im Land des unendlichen E-Sports brach indessen eine neue Ära an. Eine Ära, in der die vorherrschende Farbe der Turnierbäume Liquipedias Blau sein sollte, eine Ära, in der sich die Menschen bekriegten und die außerirdischen Rassen fast in Vergessenheit gerieten: der „OcTvTober". Auch bekannt unter der Bezeichnung „GOMTVT" etablierte sich in diesem Zeitraum die Rasse der Terraner als die dominierende, in der GSL präsente Spezies. Beide Neologismen sind Anspielungen auf das Terraner versus Terraner Matchup5, welches aufgrund der hohen Terraneranzahl in der GSL Ende 2011 extrem häufig auftrat.
Wenn auch hier und dort immer wieder ein paar Vertreter der Zerg und Protoss als Sieger in Turnieren auftauchten, sollten die Terraner dennoch zum Jahresende 2011, unter anderem mit Titeln in der Blizzcon, WCG6 und sogar mehreren in der GSL, dominieren. Zu guter Letzt tauchten auch hier die bereits erwähnten Spieler MMA und DongReaGu wieder auf, die sich nach MMA's Sieg in der GSL im Oktober im sogenannten Blizzard Cup eines der denkwürdigsten Finale gaben, welches auch heute noch in der Community als eines der Besten angesehen wird.

007

Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Der Stratege@Facebook

 

Der Stratege@Google+

 

 

Der Stratege